20. März *Weltgeschichtentag*

Am Fenster

Liz stand am Fenster und sah gedanklich dem Wind zu, wie er in den Dünen spielte. Der Regen hatte aufgehört und die Wolken hatten sich verzogen. Ab und zu lugte die Sonne raus und Liz lächelte ihr entgegen. Sie schloss die Augen und summte ein Lied.

Cup with hot red tea in front of a window with water drops in ra
Fotolia

„Was machst Du da?“, fragte ihr Mann Phil. Liz wollte ihn nicht hören und wiegte sich in ihrer Melodie. Erst gestern hatte er sie vom Fenster weggelockt. Er sagte, er bräuchte ihre Hilfe in der Küche. Als hätte er noch nie in seinem Leben eine Lasagne in den Ofen geschoben. Heute passierte ihr das nicht. Liz wollte den Wellen nah sein und das Meer rufen hören.

Phil legte seine Zeitung zur Seite und betrachtete seine Frau. In den letzten Wochen hatte er kaum noch Kontakt zu ihr. Sie war bei ihm. Sie saßen gemeinsam am Tisch, putzten sich nebeneinander die Zähne und schliefen im gleichen Bett. Liz war da. Und doch nicht. Wann hatte das angefangen? Phil versuchte sich zu erinnern, wann er sie das erste Mal so sah. Er war selten zu Hause.

Doch in den letzten Tagen bekam er Angst. Angst um seine Ehe. Um seine Liebe zu Liz. Er liebte sie doch. Seine Gefühle haben seit der Hochzeit vor drei Jahren nur an Stärke gewonnen. Ihre strahlenden blauen Augen, die die Farbe des Meeres annehmen konnten, wenn sie sich in der Nähe aufhielt. Das ansteckende Lachen und ihr zartes Wesen. Alles liebte er an Liz. Heute wie gestern. Natürlich sind sie älter geworden. Und natürlich rückt man nach der Zeit des Verliebtseins wieder etwas auseinander. Aber nur um den anderen wieder etwas mehr Luft zum Atmen zu geben. In den letzten Monaten arbeitete Phil deutlich mehr als sonst. Er kam sich zu Hause überflüssig vor. Wenn er Heim kam, fühlte er sich wie ein Eindringling. Liz und das Baby nahmen die ganze Wohnung ein. Sie waren eine Symbiose, welche durch nichts getrennt werden konnte. Wenn das Baby schlief, schlief auch Liz. Wenn es weinte, weinte auch sie.

Bevor er die Tür aufsperrte, schaute er oft am Fenster von außen nach innen. Bilderbuchszenen spielten sich im Wohnzimmer ab.  Liz tanzte mit seiner Tochter auf dem Arm. So innig und vertraut. Und beiden liefen Tränen übers Gesicht. Er hörte das Baby weinen. Aber Liz hörte er nicht. Eigentlich hörte er Liz gar nicht mehr. Sie sprach kaum noch mit ihm. Wenn er zur Tür reinkam, schaute ihn eine Fremde an. Nicht sie. Phil fing an Liz zu suchen. Brachte ihr Blumen mit und spielte ihre Lieblingsmusik. Ab und zu war Liz wieder bei ihm. Sie lachten und tanzten und sie legte sich eng an ihren Mann. Phil sog ihren Duft ein und hielt sie fest als wolle er sie für immer so halten. Das Baby schrie. Nachts halb drei. Sie rannte die Treppen rauf und blieb stundenlang weg. Am nächsten Morgen waren sie und das Baby wieder eine Einheit. Phil kam nicht dazwischen. Er störte und verließ das Haus.

Und jetzt saß er da und wollte Liz nicht in Ruhe lassen. Doch sie brauchte Ruhe und Luft zum Atmen. Schon immer war er so besitzergreifend. Und seine Tochter war genauso. Sie ließ Liz keine Sekunde allein. Nicht körperlich und nicht psychisch. Immer nur das Baby. Tag und Nacht. Seitdem es krabbelte, wurde es schlimmer. Keinen Meter konnte sie sich entfernen und vor dem Schreien und Weinen weglaufen. Manchmal sperrte sie sich im Bad ein und schrie in die Handtücher. Doch das Baby weinte weiter und sie musste zurück. Wenn Liz wusste, dass ihr Mann bald von der Arbeit nach Hause kam, nahm sie seine Tochter auf den Arm und tanzte mit ihr zu italienischen Opern. Die konnte sie laut aufdrehen ohne dass das Baby lauter wurde. Sie hasste es wenn er so spät kam. Warum tat er ihr das an? Er wollte doch unbedingt ein Kind. Vom großen Versprechen beim positiven Schwangerschaftstest immer für sie und das Baby zu sorgen, sind nur die bezahlte Wohnung und das warme Essen geblieben. Liz spürte ihre Wut. Die Wut gegen alle glücklichen Mütter und tollen Väter.

Sie wollte nur einmal einen Tag alleine sein. Nichts tun müssen. Nicht funktionieren müssen. Sie wollte raus auf die Dünen. Sich mit nackten Füssen durch die Sandmassen emporkämpfen und kurz vor der Kuppe das Meer erahnen. Sie wollte oben stehen bleiben und den Ausblick auf die unendliche Weite in sich einatmen. Mit ausgebreiteten Armen zum Strand runter rennen. Atemlos in den warmen Sand fallen und den Wind auf der Haut spüren. Sie wollte die Möwen sehen, die über ihren Kopf kreisen und rufen hören. Liz sehnte sich nach Stunden in der Einsamkeit und im Einklang der Natur.

Sie schloss die Augen und sah das Meer. Das war ihr einziger Ausweg aus dem Gefängnis in der Dreizimmerwohnung mitten in der Großstadt Berlin.

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