Unstrut

Mein Traum ist, der Unstrut ihre eigenen Geschichten in die Feder zu legen – bis sie selbst zur Erzählerin wird.
In meinen Krimis ist die Unstrut mehr als Kulisse. In Band 1 und 2 hört man sie schon atmen, in späteren Bänden wird sie zur heimlichen Hauptfigur.

Die Sage und Rache der Unstrut-Nixe

In der Unstrut nahe Freyburg, dort, wo der Hasselbach sich leise in ihr verliert, liegt ein Wasserloch, von dem die Alten sagen, es habe keinen Grund. Die Strömung verlangsamt sich dort, der Fluss tut so, als wäre er müde – doch unter der dunklen Fläche schläft etwas und wartet.

Eines Tages spielten Kinder am Ufer, barfuß im Gras, die Taschen voll Steine. Die Sonne stand hoch, der Fluss sah harmlos aus, braun und glatt wie ein vergessenes Auge. Da sprach der Kräftigste von ihnen, der immer die gefährlichen Spiele erfand:
»Kommt, wir wollen die Nixe zu Tode steinigen!«

Sie lachten, weil sie nicht glaubten, dass jemand mitlauschte. Einer nach dem anderen trat an den Rand des Wasserlochs und schleuderte seinen Stein in die Tiefe. Und wie es in der alten Weise heißt, riefen sie dazu:

»Wassernixe, du musst sterben hier in diesem Wasserloch!
Wassernixe, bist’ schon getroffen?
Wassernixe, lebst du noch?«

Mit jedem Wurf schäumte die Unstrut höher auf, als würde sie jeden Stein einzeln zählen. Die Jungen wurden mutiger, ihre Stimmen schriller, und das Echo trug die Spottverse an die Hänge, in die Weingärten und zurück ans Ufer. Sie bemerkten nicht, dass das Wasser unter ihnen dunkler wurde, als sammelte sich darin ein Schatten, der nicht von den Wolken kam.

Da, so erzählt man, stand plötzlich eine Gestalt am Rand des Lochs, obwohl keiner gesehen hatte, wie sie ans Ufer kam. Sie war so still, dass erst der Kleinste sie sah: eine hohe, schmale Frau, die die Farbe des Flusses trug – braun von Erde, durchzogen vom matten Leuchten versunkener Sonnenstrahlen. Ihr Haar hing lang herab, schwer von Wasserpflanzen, darin verfangen allerlei Verlorenes.

Sie sprach kein Wort. Sie sah nur in die Gesichter der Kinder, eines nach dem anderen, und wo ihr Blick verweilte, verstummten die Spottverse. Beim Anführer blieb sie stehen. Für einen Herzschlag lang schien es, als läge in ihrem Blick Traurigkeit und nichts von Zorn.

»Wassernixe, lebst du noch?«, flüsterte der Junge, aber diesmal klang es nicht nach Spott.

Da legte sie ihm die Hand in den Nacken, so sanft, als wolle sie ihn heimführen. Kein Ruck, kein Schrei – nur eine kleine Bewegung, ein halber Schritt vorwärts. Gemeinsam kippten sie über den Rand, und das Wasser schloss sich über ihnen so glatt, als wäre dort niemals jemand gewesen. Aus der Tiefe stieg ein einziger Blasenkranz auf, und als er zerplatzte, färbte sich das Wasser rotbraun, wie von altem Rost oder getrocknetem Blut.

Die übrigen Jungen rannten davon, ohne sich umzusehen. Später erzählten sie von Strudeln und glitschigem Ufer, von Leichtsinn und Unglück. Was sie nicht erzählten, war der Augenblick, in dem sie wussten, dass jemand zugehört hatte.

Seit jener Zeit meiden die Leute das Wasserloch, wenn der Tag schon zur Dämmerung kippt. Man sagt, die Unstrut sei dort ein bisschen tiefer, als ein Fluss sein müsste. Und wer dennoch an den Rand tritt und, aus alter Gewohnheit oder törichter Neugier, die Worte spricht:

»Wassernixe, du musst sterben hier in diesem Wasserloch …«

der sollte gut auf das Wasser achten. Denn manchmal, sagen die Alten, antwortet es – nicht mit einer Stimme, sondern mit einem Schatten, der sich gegen die Strömung stellt. Dann flüstern sie nur: »Das ist die Nixe und sie vergisst nicht.«

Und ich will ihr einen Namen geben

»Hallo Unstrut, meine Schöne!«

Manchmal, wenn ich allein am Ufer stehe, flüstere ich: Hallo Unstrut, meine Schöne. Dann zuckt etwas in mir, als hätte ich sie beleidigt, nur weil ich sie bei ihrem Kartennamen rufe. Unstrut – das klingt nach Staustufen und trübe Brühe, nach Aktenordnern im Wasserwirtschaftsamt. Aber wenn der Wind die Weinberge streift und das Abendlicht wie verschütteter Weißwein über den Muschelkalk läuft, weiß ich, dass sie anders heißt. In solchen Momenten ist sie Unestra, die Leise, die sich nicht aufdrängt, sondern wartet, bis man ihren wahren Namen findet.

Und schon erschaffe ich eine neue Geschichte …

Manchmal denke ich, die Goldene Aue ist nur deshalb golden, weil hier einmal ein Durcheinander aus Armen und Wasserwegen lag, das niemand mehr zählen konnte. Die Alten erzählen, das Tal sei früher ein einziges Sumpfgeflecht gewesen, in dem jeder Schritt zur Wette wurde: trägt dich der Boden – oder zieht er dich hinunter. Zwischen Weiden und Schilf verzweigte sich Unestra in immer neue Rinnen, verlorene Läufe, tote Finger aus Wasser, die nach allem griffen, was unvorsichtig war. Erst als sie sich satt getrunken hatte an Holz und Vieh und Leuten, zog sie sich tiefer in ihr Bett zurück und ließ oben Gras wachsen, Korn und später Reben. Heute nennen sie es fruchtbares Land, die Goldene Aue, und tun so, als wäre das Wasser gebändigt. Aber wenn der Nebel tief hängt und die Pfützen nicht trocknen wollen, sagen manche, die alten Arme seien noch da, bloß unsichtbar. Und wer dann nachts eine Stimme aus dem Graben hört, die nicht ganz nach Wasser klingt, der weiß, dass Hyperia noch immer durch die Wurzeln kriecht.

Und schon erschaffe ich eine mystische Figur …

Hyperia – wer bist du?

Sie ist das, was vom alten Sumpf geblieben ist – nicht im Wasser, sondern im Bewusstsein derer, die hier leben. Unestra verwandelt: aus Sumpf wird Goldene Aue, aus Gefahr wird Fruchtbarkeit, aus brauner Brühe wird Postkartenfluss. Hyperia verwandelt nicht. Sie bewahrt. Sie ist die Erinnerung an alles, was Unestra geschluckt hat: Holz, Vieh, Menschen, Schwüre, Lügen.

Ich habe sie Hyperia genannt, lange bevor ich wusste, was das bedeutet. Unestra war die Schöne, die ich grüßte, wenn der Abend kam. Hyperia ist das, was antwortet, wenn ich zu lange ins Wasser starre. Sie hat keine eigene Gestalt, nur Gewicht: in den Geschichten, die hier niemand erzählt, in dem Platz, den wir im Kopf freiräumen, wenn es zu viel wird. Manchmal denke ich, Unestra trägt die Boote, aber Hyperia trägt die Leichen …