Der Polizeihauptkommissar

Mik Bieling – Der Rückkehrer

Nachdem Mutter sich hingelegt hatte, räumte ich mein Auto aus. Die vollgepackte Weekender-Tasche, ein paar Kisten mit persönlichen Dingen – alles landete im Gästezimmer, das so penibel sauber war, als hätte es auf eine Inspektion gewartet. Ich war selten hier. Zwei Besuche im Jahr, zu Weihnachten und zu den Geburtstagen meiner Eltern, die sie praktischerweise zusammenlegten – kaum eine Woche lag dazwischen.

Ein-, vielleicht zweimal hatte ich mit meiner Familie im Gästezimmer übernachtet. Länger hielt ich es in diesen Mauern nicht aus.

Bea, meine zukünftige Ex-Frau, fand es hier altbacken, staubig, provinziell. Die Kinder dagegen liebten es, bei Oma und Opa zu sein.

Ich saß wie immer zwischen den Stühlen. Und nun war der von meinem Vater leer.

Und auf meinem Platz, der neben meiner Frau, saß längst jemand anderes.

Nach dem Abwasch wusste ich nicht, wohin mit mir. Mutter schlief, das Haus war still. Ich sah meine wenigen Habseligkeiten in Taschen und Kisten und brachte es nicht übers Herz, sie auszupacken. Zu viel Zwischenraum. Zu viel Vergangenheit.

Ich streifte durchs Haus, fühlte mich wie ein Fremder. Wie ein Eindringling, der hier nicht mehr hingehörte. Mit einem mulmigen Gefühl stieg ich die knarzende Treppe zum Dachboden hinauf.

Die Tapeten waren gelb-braun, Original siebziger Jahre. Auf halber Höhe begegnete mir eine Lampe mit gewelltem rotem Schirm. Ohne Glühbirne. Ich fragte mich, wann zuletzt jemand hier oben gewesen war.

Dann stand ich in meinem alten Zimmer. Zum ersten Mal seit Jahren.

Die Tapete: Anfang der Neunziger. Wilde Kringel in Blau, Rot, Grün – sie begannen zu tanzen, wenn man zu lange hinsah. Ich setzte mich auf das Bett. Die Matratze war härter als die im Gästezimmer. Gut für den Rücken. Der Schreibtisch, der Kleiderschrank – alles noch da. Stabil. Vertraut.

Ich warf das feuchte Geschirrtuch auf das alte Futonbett und öffnete das Fenster.

Weiße Farbe blätterte vom Holzrahmen, eine Spinnwebe klebte im Eck. Ich streckte den Kopf hinaus.

Und war plötzlich erleichtert. Alles war wie immer.

Hundert Meter entfernt das Haus meines besten Freundes aus Kindertagen. Dahinter der Wald, in dem wir ganze Sommer verbrachten. Auf der anderen Seite die Pferdekoppeln, die Rapsfelder. Weiter hinten der Weinberg, der sich den Hang hinaufzog. Den Fluss sah ich nicht, aber ich wusste, dass er hinter dem Damm leise durch die Landschaft floss.

Ich drehte mich um, lehnte mich ans Fenster und ließ den Blick durchs Zimmer wandern. Alles war vertraut. Und ich fragte mich, warum ich so lange nicht mehr hier oben gewesen war.

Ich schloss kurz die Augen, atmete die Luft ein. Und spürte es – dieses alte, warme Gefühl, angekommen zu sein.

Dann beschloss ich, meine Sachen hochzuholen. Und mein Kinderzimmer wieder bewohnbar zu machen.